Frauenfußball ist Fußball | acht9

Frauenfußball ist Fußball

Nach dem Sommermärchen 2006 hält sich die Fußball-Euphorie bei vielen Deutschen zum Start der Frauen-WM 2011 im eigenen Land in Grenzen. Ist Frauenfußball wirklich "nur" Amateurfußball? Oder ist er wie jeder Fußball das, was man daraus macht? Egal, ob als Spieler oder als Fan.

Erschienen am Montag, 27. Juni 2011


Die deutsche Frauennationalmannschaft nach dem Sieg gegen Kanada – Foto: dpa

Beim WM-Auftakt der deutschen Elf gegen Kanada ist das Olympiastadion gestern gerammelt voll gewesen und auch die Fanmeile in Frankfurt war sehr gut besucht. 14 Millionen Menschen sahen im Fernsehen zu – immerhin halb so viele wie beim ersten Spiel der deutschen Männer-Elf in Südafrika. Der Großteil der deutschen Bevölkerung kümmert sich hingegen kaum um das aktuelle Sportereignis – es ist schließlich “nur” Frauenfußball. Frauenfußball ist Amateurfußball. Frauenfußball ist nicht so aggressiv, wie Männerfußball. Beim Frauenfußball geht nicht die Post ab. Und überhaupt: Wieso spielen die Frauen eigentlich Fußball, wenn sie stattdessen auch stricken könnten?

Sätze wie diese sind von mir ironisch gemeint. Sätze wie diese hört man aktuell ohne Ironie an jeder Straßenecke. Wieso man die Frauen-WM trotzdem genießen kann, wurde schon bei Spreeblick, im SZ-Magazin und auf ennomane.de erkärt. Einen Punkt möchte ich jedoch noch einmal selbst hervorheben: Den Spaß am Fan sein.

Denn seien wir mal ehrlich: Es zieht nicht alle Welt im Vierjahresrhythmus auf die Fanmeilen und in die Stadien, weil der Fußball so hochklassig ist. Viele WM-Spiele sind sehr schlecht, nur wenige zeichnen sich durch technische und spielerische Meisterleistungen aus – wer solche Leistungen sehen möchte, der ist beim FC Barcelona besser aufgehoben als bei der deutschen Herrennationalmannschaft. Worum es vielen geht, ist vielmehr die Euphorie. Und Teil einer gigantischen Party zu sein. Mit allen zu feiern, seine Mannschaft anzufeuern und zusammen ein paar unterhaltsame Wochen zu genießen.

Das alles kann man beim Frauenfußball auch. Und da macht es auch nichts, wenn das zum Großteil Amateurfußball ist. Zusehen macht nämlich trotzdem Spaß. Gestern die Schüsse auf das kanadische Tor aus der zweiten Reihe – Alexandra Popp pfefferte die Kugel mit links an die Latte – waren ganz wunderbar anzusehen. Ebenso das Freistoß-Tor der Kanadierinnen und all die feiernden Fans im Stadion, mit La-ola-Wellen, bei denen ausnahmsweise mal wirklich alle mitmachten. Soll heißen: Ich habe schon viel, viel schlechtere Fußballspiele gesehen. Wohlgemerkt: Viel, viel schlechtere Profi-Fußballspiele.

Ich unterstelle nicht jedem Mann, der Frauenfußball ablehnt, Chauvinismus. Aber bei der Masse der Frauenfußball-Gegner frage ich mich doch, was mit den Menschen los ist. Massenweise bejubelt man die Herren-WM und die Herren-EM. Massenweise bejubelt man die erste und zweite Bundesliga. Obwohl dort überall neben den vielen durchschnittlichen und wenigen erstklassigen Spielen auch immer wieder miserable Leistungen geboten werden. Nur wird das für viele erst dann zum Grund gegen den Fußball, wenn Frauen auf dem Platz stehen.

Nein, ich begreife nicht, wieso man dem Frauenfußball so abgeneigt gegenüber stehen kann. Keiner der Gründe, die ich bisher vernommen habe, konnte mich auch nur annähernd überzeugen. Die Ablehnung dieses Sportzweigs aufgrund seiner Amateurhaftigkeit widerspricht meiner Vorstellung vom “König Fußball”. Denn beim Fußball geht es nicht nur darum, wie gut Mannschaften spielen. Es geht um das Fiebern mit der eigenen Mannschaft. Das Aufstöhnen beim Pfostentreffer. Den Beinahe-Herzinfarkt beim 1:1 Ausgleich der gegnerischen Mannschaft in der Verlängerung. Und diese Erlebnisse gibt es im Fußball grundsätzlich: Sowohl in der E-Jugend als auch beim Herrenteam des FC Bayern oder bei der Weltmeisterschaft der Frauen.

Dementsprechend werde ich mir auch weitere Spiele der WM im Gasthof des Nachbarorts ansehen. Und ich empfehle jedem Fußball-Fan, das auch einmal zu versuchen. Er wird feststellen: So anders ist das bei den Frauen gar nicht. Da wird um den Ball gestritten, nachgetreten, es gibt schlechte Schwalben im Strafraum und schöne Tore aus der Distanz. Nur die Einwürfe, die sehen irgendwie komisch aus:

http://youtu.be/-BftH59Pco0



ÜBER DEN VERFASSER
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Moritz Clauß hat 56 Artikel für acht9.de geschrieben.

Moritz (Twitter) studiert Sozialwissenschaften an der Universität Augsburg mit dem Berufsziel "irgendwas mit Medien und Internet". In seiner Freizeit mag er Frösche, macht Computerkram und schreibt.

3 Kommentare

  • avatar Dominik 15:41 Uhr 27. Juni 2011

    Die Einwürfe sehen grandios aus :D
    Ne, natürlich ist Frauenfußball nicht anders als Männerfußball und ich finde es unglaublich albern und ignorant wenn irgendwelche Machos dieses Argument bemühen wollen. Es trägt nicht.

  • avatar Tanja 18:23 Uhr 27. Juni 2011

    Danke für diesen Beitrag. Es ist schön zu sehen, dass nicht alle Männer engstirnige Machos sind, die Frauenfußball veralbern und jegliches Interesse für die Frauen-WM mit blöden Kommentaren abmahnen. Ich selber spiele schon jahrelang im Verein und werde auch dieses Jahr die WM mit meinen Mädels verfolgen.

    Viele Grüße Tanja

    PS.: Das Sommermärchen 2011 ist uns sicher :-)

  • avatar Felizia Göltenboth 20:07 Uhr 27. Juni 2011

    Danke! Genau das sollten viele Frauenfußballhasser und diejenigen, die es lächerlich machen, lesen. Die Frauen haben es technisch echt drauf. Es ist klar, dass sie mit Männern z.B. in der Geschwindigkeit nicht mithalten können – aber das fordert z.B. beim Leichtatlethik auch keiner. Sonst sehe ich auch keinen Unterschied zum Männerfußball, und daher ist das Fan-sein wirklich genauso schön.

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