Kino mit Anspruch: The Tree of Life
Ganz großes Kino bietet der Gewinner der Goldenen Palme der 64. Filmfestspiele von Cannes: "The Tree of Life". Der Film stellt große Fragen, zeigt dem Menschen seine Grenzen auf und ist unglaublich komplex. Eine nicht ganz unkomplizierte Empfehlung.

Brad Pitt in “Tree of Life” – Screenshot: acht9, Quelle: YouTube
Der Trailer von “The Tree of Life” sagt schon nicht sonderlich viel aus, hat aber eine gewisse Anziehungskraft und deutet an, dass der Film etwas Großartiges sein könnte.
Eins vorweg. Der Film ist alles andere als leichte Kost und fordert dem Zuschauer einiges ab. Eingerahmt von einem bewegenden Familiendrama, welches durchaus auf die gesamte Gesellschaft übertragen werden kann, geht es um nichts geringeres als um den Sinn des menschlichen Lebens inklusive der Entstehungsgeschichte des ganzen Universums. Häh?
Richtig – dieser Film kümmert sich nicht im Geringstem darum, auch nur irgendwie leicht verständlich zu sein und fordert sämtliche vorhandenen Reserven des Verstandes auf, sofort hellwach zu sein. Eine klare einfach zu verfolgende Handlung? Nicht in diesem Film. Er lebt von seinen imposanten Bildern und vielfach versteckten Andeutungen und Symbolen.
Er handelt von Jack, welcher in den 60ern als Ältester von drei Brüdern in Amerika aufwächst. Er ist hin und hergerissen zwischen seiner Mutter, welche ihm den Weg der Gnade und Vergebung lehrt und seinem Vater, welcher ihm den Weg der Natur zeigt und für das feindliche Leben stärken will. Zwischendurch springt die Handlung immer mal wieder in die Gegenwart, in der Jack noch immer nicht den Tod seines Bruders verarbeitet hat, was kurz am Anfang des Films angedeutet wird.
Die Betonung liegt auf angedeutet! Was genau passiert bekommt man fast nicht mit. Der Film deutet viel an, schwenkt schnell hin und her. Die Frage nach Gott und dem „Warum“ steht im Raum und plötzlich ist eine locker 15-minütige Sequenz zu sehen in der in wunderbaren Bildern die Naturgewalt und die Entstehung des Universums dargestellt wird. Das Ganze ist ungemein imposant, lässt einen plötzlich klein und unbedeutend wirken und irgendwann hüpfen auch noch Dinos herum. Aber um was zur Hölle geht es jetzt eigentlich?
Antworten darf man von dem Film nicht erwarten, er nähert sich ihnen an und weicht im richtigen Moment aus, lässt alles offen. Gibt es Gott? Warum ist manches so und nicht anders? Hier wird keine Welt und Wertevorstellung geliefert. Es sind die beeindruckenden Bilder und geschickten Wechsel, die für sich sprechen. Endlose Wolkenkratzer werden zu weit in die Höhe ragenden Baumwipfeln, Venen zu Blättern, Weltraum zu Quallen, zu einer Befruchtung.
Dazwischen wieder eine sehr emotionale und bewegende Handlung, die viel zeigt aber nie eine Lösung für irgendeine Frage parat hält, viel vermuten lässt, aber keine Gewissheit liefert. Der Schluss übersteigt jegliche Realität. Ein Zauber der Phantasie? Ganz verstanden habe ich ihn nicht, wobei ich mich frage, ob man überhaupt irgendetwas komplett verstehen kann…
Sinnlose Effekthascherei? Mitnichten – der Film ist ein visuelles Meisterwerk von vorne bis hinten, unglaublich tiefsinnig, hinterfragend. Alle Bilder scheinen bewusst und mit Absicht gesetzt. Alles hat seinen tieferen Sinn. Er berührt, regt zum Nachdenken an, lädt zum Philosophieren ein und zeigt dem Menschen seine Grenzen.
Ich werde mir “The Tree of Life” irgendwann auf jeden Fall noch mal anschauen. Die schauspielerische Leistung ist überzeugend, Brad Pitt dürfte als Vater seine beste Leistung bislang abgeliefert haben. Eine Enttäuschung? Auf keinen Fall – nur wenn man eine endgültige vorservierte Handlung und Lösung erwartet. Eine Empfehlung? Für absolut jeden, der sich nicht vor anspruchsvollen Filmen scheut. Man muss sich auf ihn einlassen und nicht stumpf konsumieren, dann erfährt man seine Klasse.






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