Coming Out – und froh darüber
„Ich bin schwul“ zu sagen, ist heute kein Thema mehr? Wohl doch, das Coming Out ist nach wie vor nicht einfach. Junge Schwule und Lesben erzählen. Sie gehen offen mit ihrer Homosexualität um, ein Bild von sich wollte aber dennoch keiner veröffentlichen.

Schwule Cowboys? Für viele ging das gar nicht, der Film „Brokeback Mountain“ wurde kontrovers diskutiert. – Foto: dpa
Sophie, 23 Jahre: Das erste Mal, als mir etwas komisch vorkam, war mit 14, 15. Ich war mit meiner Cousine im Fitnessstudio. Eine Frau kam rein, und es hat mich fast vom Trainingsrad gehauen. Ich wusste aber nicht warum. Ich habe das dann verdrängt, hatte meinen ersten Freund. Aber Gefühle kamen einfach nicht richtig auf, und das ging auseinander. Meine Mutter fragte mich ständig: „Warum bringst du niemanden mit nach Hause? Ist etwas mit dir?“ Ich wich ihr aus, obwohl ich damals schon wusste, dass ich lieber Frauen mag. Ich wusste auch, dass es irgendwann raus muss, dass ich darüber sprechen muss.
Zum Glück hatte ich eine wirklich gute Freundin, der ich alles erzählen konnte. Sie nahm es prima auf, sagte: „Das ist ja toll.“ Sie sagte auch, dass ich dazu stehen soll und mich nicht verstecken darf. Ich war aber selbst noch zu verunsichert. Na ja, meine Mutter bohrte immer wieder, was mit mir sei. Als ich so 16 Jahre alt war, fragte sie plötzlich: „Bist du anders? Bist du etwa wie dein Cousin?“ Ich wusste bis dahin nicht einmal, dass er schwul ist. Aber ich sagte einfach „ja!“ und verschwand in mein Zimmer. Wir sind uns dann eine Weile aus dem Weg gegangen. Aber ich weiß jetzt, dass sie damals Verwandte und Bekannte angerufen hat und wissen wollte, ob sie bei mir etwas falsch gemacht habe.
Ich bin wenig später von zuhause ausgezogen, für mein FSJ nach München. Völlig zufällig bin ich im Glockenbachviertel gelandet, wo die Münchner Schwulen-Szene ist – was ich nicht wusste. Ich wusste nicht einmal, was die ganzen Regenbogenfahnen bedeuteten. Ich saß in einem Café, nahm ein Magazin in die Hand. Es war eines aus der homosexuellen Szene. Ich dachte, „Oh Gott, jetzt wissen alle, dass du auf Frauen stehst“ und legte es schnell wieder weg. Es dauerte einfach etwas, bis ich mich mit der Tatsache arrangiert hatte. Ich frage mich selbst: Was ist eigentlich los? Warum bist gerade du anders? Alle interessieren sich für Jungs, für mich sind die eher große Brüder oder Kumpels. Ich habe mir auch Sorgen gemacht, was die anderen über mich reden werden.
Irgendwann fand ich, dass ich es meinem Vater erzählen muss – meine Eltern sind geschieden. Ich nahm mir fest vor, es ihm während eines Spaziergangs zu sagen, traute mich aber erst 100 Meter vor dem Gartentor. „Du wirst nie einen Schwiegervater haben“, sagte ich. Zuerst schaute er entsetzt, aber dann meinte er: „Hauptsache, du bist glücklich.“ Er hat es viel besser weggesteckt als meine Mutter. Bei ihr dauerte es eine Weile. Sie fragte mich später nochmal: „Bist du wirklich sicher?“ Als ich bejahte, war es o.k. für sie.
Ich zog dann mit meiner damaligen Freundin in ein Dorf bei Gießen, wir hatten eigentlich nie Probleme. Die Leute haben uns akzeptiert. Ich glaube, für Jungs ist das viel schwieriger. Lesben werden eher akzeptiert als Schwule. Ich gehe auch auf der Arbeit offen mit dem Thema um. Ich fände es schwierig, ständig Sachen zu erfinden und darauf zu achten, was ich sage. Ich arbeite in einem Krankenhaus, zwei Kolleginnen wissen es, ich würde es aber auch sonst jedem sagen. Rückblickend würde ich sagen: Es war ein Glück für mich, im Glockenbachviertel gelandet zu sein. Und die Freundin gehabt zu haben, mit der ich reden konnte. Das wünsche ich jedem auch!
Andreas, 24 Jahre: Ich habe relativ früh in der Pubertät gemerkt, dass irgendetwas mit mir anders ist. So mit 13, 14 Jahren. Ich habe das aber verdrängt, wollte es nicht wahrhaben. Ich dachte: „Das ist nicht normal“. Ich habe mich zurückgezogen. Erst mit 16 akzeptierte ich, dass ich schwul bin. Geoutet habe ich mich aber erst mit 18. Ich wollte eine Lehrstelle haben, nur für den Fall, dass meine Eltern mich rauswerfen sollten. Ich habe das nicht wirklich geglaubt, aber wer weiß.
Zuerst habe ich es meinen Geschwistern gesagt, ich habe eine Schwester und einen Bruder, beide sind jünger als ich. Meine Schwester hat es locker, flockig aufgenommen. Mein Bruder hat erst mal geschluckt. Wir haben damals noch ein Zimmer geteilt. Er sagte: „Solange du niemanden mitbringst.“ Er hat es akzeptiert, wollte aber nicht sehen, wie ich jemanden küsse. Inzwischen kommt er aber sogar zu unseren Partys mit. Dann war meine Mutter dran – meine Eltern sind auch geschieden. Sie nahm mich in den Arm und sagte: „Das ist bestimmt nur eine Phase.“ Sie hat geweint und ich dann auch. Mein Vater gab mir Tipps, er hat es cool aufgenommen. Inzwischen weiß es, glaube ich, die ganze Verwandtschaft. Direkt nach dem Gespräch mit meinen Eltern bin ich in den Urlaub, damit sie das erstmal verdauen können. Eine Zeitlang war die Stimmung dann etwas angespannt. Aber inzwischen ist das Verhältnis viel lockerer als vor meinem Coming Out, wir vertrauen einander mehr.
Freunde, denen ich das sagen müsste, hatte ich damals eigentlich gar nicht. Ich hatte mich ja völlig zurückgezogen, war immer der Außenseiter. Ich war einfach froh, als die Schule vorbei war und ich meine Lehrstelle hatte, und nachher dann meine feste Stelle. Die Kollegen, mit denen ich mich gut verstehe, wissen Bescheid, ich muss das aber nicht jedem erzählen. Richtig Probleme hatte ich eigentlich nie. Einmal bin ich beim Ehinger Tor angepöbelt worden. Und klar gibt es mal einen dummen Spruch oder einen Schwulen-Witz. Gute Freunde merken das nach ’ner Weile und sagen „du warst jetzt nicht gemeint.“ Das rutscht denen eben einfach so raus. Auch „schwul“ als Schimpfwort. Vor meinem Coming Out dachte ich da immer: Wenn ich jetzt sagen würde, ich bin schwul, das würde keiner verstehen.
Auch wenn das jetzt blöd klingen sollte: Ich habe erst nach meinem Coming Out richtig angefangen zu leben. Ich bin vorher ja nie weggegangen, hatte mich abgekapselt. Ich musste immer aufpassen, was ich sagte und wie ich zum Beispiel die Hand halte oder so.
Sara (Name von der Redaktion geändert), 27 Jahre: Ich habe es recht spät gemerkt, erst mit 21 Jahren. Wie? Sie stand einfach vor mir. Davor hatte ich einen Freund, mit dem ich sogar sechs Jahre zusammen war. Man hat sich gut verstanden, er ist ja auch ein Lieber. Vermisst habe ich eigentlich nichts, ich dachte, das ist halt so. Bis eben diese Frau kam. Sie sagte, dass sie mich gut findet. Ich habe dann meinen Freund für sie verlassen. Warum, habe ich ihm nicht gesagt, nur, dass ich ihn nicht mehr liebe. Er wollte wissen, ob er noch eine Chance hat und ich sagte „nein“. Das hat er akzeptiert. Sicher wäre es einfacher für ihn gewesen, wenn ich ihm den Grund gesagt hätte, aber ich musste mir ja erstmal selbst über alles klar werden. Erst drei Jahre später habe ich es ihm erzählt. Auch mein Coming Out hatte ich erst zweieinhalb Jahre später. Ich wohnte ja nicht mehr zu Hause, da ging das schon. Wer mich direkt drauf ansprach, dem habe ich es gesagt, aber ich ging nicht nach außen damit.
 Dann dachte ich aber, meine Eltern sollten das schon von mir erfahren und nicht von irgendjemand anders. Bei einem Frühstück rückte ich dann raus damit. Mein Vater war cool, nach dem Motto „Hauptsache das Mädel ist gesund.“ Meine Mama wollte wissen, warum ich das nicht früher gesagt habe. Sie brauchte länger, hat sich gefragt, ob sie etwas in der Erziehung falsch gemacht hat. Mein älterer Bruder hat etwas blöd getan, wie Brüder halt so sind, aber nicht schlimm. Negative Reaktionen bekam ich eigentlich nicht. Auf der Arbeit wissen es alle um mich rum; bei Festen werde ich auch gefragt, ob ich die Partnerin mitbringen will. Ich bin froh über mein Coming Out. Auch wenn es keine schlechte Zeit mit meinem Freund war. Es ging mir gut mit ihm.
Info: Alle drei Interviewten sind Mitglieder der Jugendgruppe „young ’n’ queer“ des Ulmer Vereins „rosige Zeiten“. Die Jugendgruppe trifft sich jeden zweiten Donnerstag im Monat, meistens ab 19 Uhr. Am Besten aber nochmal auf der Homepage abchecken unter www.rosigezeiten-ulm.de, unter der Rubrik „Über uns“ ist „young ’n’ queer“aufgeführt.






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