Vom “gutteln” und “wulffen”
Eigentlich sollten Politiker ja Vorbilder sein - im positiven Sinne. Aber sie prägen vielmehr neue Ausdrücke wie "gutteln" oder "wulffen". Und nein, das bedeutet nichts Positives...

Wo kommen nur all die Kopien in der Doktorarbeit her? Für Karl-Theodor zu Guttenberg offenbar ein Rätsel. -Foto:dpa
In Wortneuschöpfungen sind Politiker neuerdings einsame spitze: Kaum machte Berlusconi es mit „Bunga Bunga“ vor, folgte prompt auch schon Guttenberg mit „gutteln“, welches den Copy and Paste Tastaturvorgang vom Netz in die eigene Hausarbeit oder das Referat beschreibt. Vom Anderen abzuschreiben ist ja nicht neu. Selbst die Evangelisten konnten es damals schon nicht lassen. Nur eben: Guttenberg könnte sich im Gegensatz zu diesen noch dazu äußern. Und obwohl man genau weiß, dass er unmöglich den IQ besitzt, sein Geschriebenes mit dem Geschriebenem anderem unabsichtlich zu vertauschen, hält der ehemalige Verteidigungsminister munter an seiner Theorie der maßlosen Überforderung eines Familienvaters fest. Fehler? Nein. Reue? Vielleicht, ein bisschen. Schuld? Auf keinen Fall. Alles war ein großes aus Versehen. Die Fassade des makellosen Politikers bröckelt.
Allein da wäre noch was zu retten – aber anstatt als Politiker zu seinen Fehlern zu stehen, wird lieber geleugnet was das Zeug hält. Das Bild des Politikers ist entstellt: Wie kann man jemandem trauen, der seine Doktorarbeit fälscht? Jemanden hochjubeln, der auf Kosten der Bürger eigene Studien in seine Arbeiten mit einfließen lässt? Man glaubte, okay, das war eben so einer, das ist ein Einzelfall. Auch als in der FDP der „Guttelgeist“ umging: Okay, das ist eben einmal und nie wieder.
Dann kam die nächste Wortneuschöpfung, „wulffen“, was so viel bedeutet wie jemanden auf dem Anrufbeantworter im negativen Sinn voll zu quatschen. Damit ist das nächste Politikerbild am schwanken, diesmal das höchste Amt, das in Deutschland bekleidet werden kann. Ein ganz großes Zeichen für die Demokratie. Nun ist das in keiner Weise vergleichbar mit dem, was sich schon Guttenberg geleistet hat.
Unter den Tisch fallen kann es trotzdem nicht. Von Politikern ist mehr zu erwarten, als ihre Macht großräumig für sich auszuspielen. Natürlich bringt ein gewisses Amt Privilegien – das Hausen im Schloss Bellevue zum Beispiel. Auch darf man Politikern nicht ihr Privatleben und ihren Freundeskreis absprechen und sie zu automatischen Maschinen umfunktionieren. Aber es gibt ebenfalls eine gewisse Verantwortung dabei, die gewahrt werden sollte.
Schlimmer als die Taten ist sowieso die Reaktion beim Entdecken. Oder liegt es etwa an mangelnden Lateinkenntnissen, dass Politikern der Satz „Mea culpa“ (zu dt. meine Schuld) meist nicht über die Lippen kommt? Dabei machte es Margot Käßmann, ehemalige Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland, 2010 nach Fahren unter Alkoholeinfluss doch so schön vor: Sie legte alle Ämter nieder, erkannte und bedauerte ihre Fehler und sprach die erlösenden Worte: „Du kannst nie tiefer fallen als in Gottes Hand.“






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