Profi für gebrauchte Klamotten

Warum helfen im Oxfam Shop viel mehr Spaß macht als Schule - oder Geld verdienen.

Erschienen am Donnerstag, 20. Dezember 2012 | Print

Bevor Leander im Oxfam Shop hinter die Theke durfte, waren mehrere Trainingsstunden fällig. -Foto: Sophie Krauss

Eigentlich wollte ich ja arbeiten, um Geld zu verdienen. Damit auch ich mir mal Sachen leisten kann, die über den normalen Bedarf hinausgehen. Aber leider hat das hinten und vorne nicht geklappt: Einige Bewerbungen wurden gleich abgelehnt, aus zweimal Probearbeiten wurde nichts. Ich schaltete in den Trotzmodus: Wenn niemand meinen Elan zu Geld machen wollte – bitte. In der Zeitung las ich, dass in Ulm ein Oxfam Fashion Shop aufmachen würde und dass es einen Infoabend gibt.

Oxfam ist eine Hilfsorganisation, die in Second Hand Shops Geld für Hilfsprojekte und Kampagnenarbeiten erwirtschaftet – mit Hilfe ehrenamtlicher Mitarbeiter. Sie vereint klassische Entwicklungsarbeit und Einsatz für die politischen Veränderungen, die nötig wären, um das zu schaffen, was Oxfam als Motto hat: Für eine gerechte Welt. Ohne Armut. Warum also nicht mich dort engagieren? Die wären bestimmt froh, über jeden, der mithilft.

Nach dem Infoabend war ich äußerst skeptisch. Nicht, weil Oxfam unseriös erschien, sondern weil vor allem eine Vorgabe mich etwas ängstigte: Einmal in der Woche fünf Stunden durcharbeiten. Nicht mehr, aber auch nicht weniger. Das mag nach nicht viel klingen, aber ich muss mich aufs Abitur vorbereiten!

Ich schlief ein paar Mal drüber und fasste schließlich den Entschluss: Abitur ist nicht alles. Zu dem, was man tun muss, aber nicht will, sollte ein Ausgleich her mit etwas, dass man nicht tun muss, aber will. Also meldete mich zu den Trainingstunden an.

Jetzt hieß es lernen, worauf man bei gebrauchter Kleidung zu achten hat, also Qualitätsmerkmale, Abnutzung, Flecken, und so weiter. Uns wurde auch beigebracht, wie man den richtigen Preis findet – eine Wissenschaft für sich. Und dann musste natürlich noch das Kassieren geübt werden.

Ende November ging es dann los. Der Oxfam Fashion Shop Ulm ist jetzt geöffnet – und ich arbeite mit. Jeden Dienstag stehe ich mir in der Pfauengasse 7 fünf Stunden lang die Beine in den Bauch, sortiere Kleidung, mache Preisschildchen und verkaufe. Am Abend bin ich total fertig, aber irgendwie auch zufrieden. Nichts macht glücklicher, als das Gefühl, etwas Sinnvolles zu tun.

Vielleicht bin ich ja verrückt. Aber wenn das so ist, dann macht Verrücktsein großen Spaß. Nicht nur die Tätigkeit an sich – Second Hand Kleidung guter Qualität zu verkaufen – macht Spaß, sondern auch das, was dahinter steckt: Ein Laden trägt sich komplett durch ehrenamtlich engagierte Mitarbeiter und hilft dabei, dem Ziel, das Oxfam hat, ein kleines Stückchen näher zu kommen: Einer gerechte Welt. Ohne Armut. Was kann es Schöneres geben für einen altruistischen Menschen? Nichts, genau. Auch Geld nicht, mit dem ich mir Sachen kaufen würde, die ich vermutlich sowieso nicht brauche. Vielleicht sollte ich den Arbeitgebern, die mich nicht wollten, dankbar sein.

ÜBER DEN VERFASSER
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Leander Badura hat 8 Artikel für acht9.de geschrieben.

Leander Badura (Twitter) ist Schüler an der Freien Waldorfschule in Ulm. In seiner Freizeit spielt er gerne Gitarre und engagiert sich im sozialen und politischen Bereich. Später möchte er Politikwissenschaft und Philosophie studieren und schließlich Journalist und Schriftsteller werden.

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