Der gewaltlose Weg zu mehr Menschenrechten
Seit der Vergewaltigung der 23-jährigen Jyoti Singh Pandey regt sich in Indien starker Widerstand gegen die bisherige Unterdrückung der Frauen. Die Wut lässt so manchen Demonstranten die Todesstrafe für die Vergewaltiger fordern. Dabei gäbe es auch einen gewaltlosen Weg zu mehr Menschenrechten im Land.

Gerechtigkeit fordern die indischen Frauen, und das ohne Verzögerungen. - Foto: dpa
Es ist ein Paradox, das sich seit Jahrhunderten auf der ganzen Welt beobachten lässt. So ziemlich überall setzt zu verschiedenen Zeitpunkten ein Streben nach mehr Menschenrechten ein. Die Französische Revolution Ende des 18. Jahrhunderts war ein Siegeszug für die Aufklärung und für die Menschen- und Bürgerrechte. Freilich wurden erst einmal deren Gegner hingerichtet. Der arabische Frühling zeigt ähnliches: Es geht den Aufständischen darum, die autoritären Regime in ihren Ländern loszuwerden. Es geht um Demokratie und um Gleichberechtigung. Die Mittel, die hierfür genutzt werden, widersprechen diesen Idealen in vielen Fällen.
In Indien geht es jetzt unter anderem um die Rechte der Frauen, die auf dem Sub-Kontinent eine unterdrückte Minderheit darstellen. Sie sind dort weniger wert als Männer. 2005 kamen in Nordindien bedingt durch Zwangsabtreibungen auf 100 neugeborene Mädchen 125 neugeborene Jungen (via n24.de) – normal wären 105 Jungen.
Nun werden also Forderungen nach Gleichberechtigung laut. Die Menschenrechte sollen besser durchgesetzt werden – gleichzeitig fordern viele Demonstranten die Hinrichtung der Vergewaltiger. Die dürften davon ziemlich überrascht gewesen sein – jahrzehntelang wurden Vergewaltigungsfälle in Indien kaum ernst genommen.
Die Frage, die ich mir bei all diesen Ereignissen stelle: Ist es wirklich notwendig, für den Fortschritt in Menschenrechtsfragen erst einmal gegen eben diese Rechte zu verstoßen? Anders gefragt: Kann man Gewalt und Vorherrschaft nur mit Gewalt bekämpfen, oder gibt es auch andere Mittel? Der Fall der Berliner Mauer verlief zum Beispiel vergleichsweise friedlich. Und haben nicht Mahatma Gandhi und Martin Luther King gezeigt, dass Gewalt auch ganz anders bekämpft werden kann? Zum Beispiel mit Boykott, Protest oder zivilem Ungehorsam.
Die Idee der “Friedlichen Revolution” ist in Indien nicht neu. Das lernen einige Abiturienten zur Zeit im Weißenhorner Nikolaus–Kopernikus-Gymnasium. Bleibt zu hoffen, dass diese Idee sich auch dieses Mal durchsetzt und dass die Gewalt nicht mit Gewalt vergolten wird. In letzterem Fall wäre der Schritt nach vorne im Kampf für die Gleichberechtigung deutlich kleiner, als er eigentlich sein könnte.





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