Die Grenzen testen

Eine Kletterwand oder gar eine Felswand in der Natur zu erklimmen, ist nicht einfach. Wie viel schwerer ist es aber, das zu machen, wenn man nicht oder nur sehr wenig sehen kann. Eine Jugendgruppe des Deutschen Alpenvereins will zusammen mit blinden Jugendlichen klettern gehen.

Erschienen am Dienstag, 15. Januar 2013

Wie es ist, nicht sehen zu können, das hat die Jugendgruppe „Bergtrolle“ des DAV bereits ausprobiert. Als nächstes geht es mit blinden Altersgenossen in die Berge. - Foto: JDAV

„Das finde ich echt beachtlich“, sagt Jonas Gröner. Der 15-Jährige ist Mitglied der Jugendgruppe „Bergtrolle“ des DAV Ulm, Neu-Ulm und SSV-Ulm. Zusammen mit ihren Jugendleitern Carsten Gerstenberg (25 Jahre) und Sebastian Vendt (19 Jahre) wollen die zehn „Bergtrolle“ mit blinden oder stark sehbehinderten Jugendlichen klettern gehen. Schon im Vorfeld bringen sie ihren neuen Kletterkollegen große Hochachtung entgegen.

Sie sind sich aber bewusst, dass die Sache nicht nur für die blinden Jugendlichen eine Herausforderung wird. Das fängt dabei an, Dinge wie einen Sicherheitsknoten zu erklären. „Normalerweise zeige ich so etwas einfach“, sagt Carsten. „Das geht natürlich nicht, wenn derjenige nicht sehen kann.“

Die Bergtrolle nutzen daher die Zeit, um sich in die Situation Blinder einzufühlen. Etwa mit Vertrauensspielen, bei denen sie mit verbundenen Augen Kletterrouten bewältigen müssen und sich dabei gegenseitig führen und anleiten. „Man gewöhnt sich daran“, sagt Christoph Scheib, ein weiterer Bergtroll. Aber immer wieder seien ihm Äste ins Gesicht gepeitscht – was ihm bewusst gemacht habe, dass er seine blinden Mitkletterer später auf derartige Hindernisse aufmerksam machen muss.

Angst, dass etwas passieren könnte, haben Jonas und Christoph nicht, sie freuen sich auf die Erfahrung. Nicht umsonst haben die Bergtrolle eben die Idee, mit Blinden klettern zu gehen, unter mehreren Vorschlägen als Projektfavorit gewählt. Ins Rollen gekommen war das Ganze nämlich, als Carsten in der DAV-Zeitschrift „Panorama“ von dem Wettbewerb „Create New Limits“ gelesen hatte. Gefragt sind hier Projektideen, bei denen man einerseits seine Grenzen testet und andererseits soziale oder ökologische Aspekte einbringt.

Auf die Idee mit den Blinden ist Carsten gekommen, weil er einmal eine Dokumentation über eine Klettertour mit blinden Kindern in Nepal gesehen hat. Das Ganze hat ihn nicht mehr losgelassen, auch deshalb, weil blinde Menschen in Nepal am Rand der Gesellschaft stehen. Mit dem Projekt möchte er vermitteln, wie man sich in andere einfühlt und – falls vorhanden – Vorurteile abbaut. „Ich denke, das bringt uns alle weiter und erweitert den Horizont.“

Daher steht für die Bergtrolle gar nicht im Vordergrund, ob sie den Wettbewerb gewinnen – auch wenn sie das natürlich freuen würde und sie die finanzielle Unterstützung gebrauchen könnten. Aber: „Wir ziehen das Ganze auf alle Fälle durch“, betont Carsten. Die Aktivitäten werden sich auch nicht auf eine einzige Berg- oder Klettertour beschränken. Er hat bereits die Stuttgarter Betty-Hirsch-Schule, ein Internat für Blinde und Sehbehinderte, besucht, von dem die zehn Jugendlichen im Alter zwischen 12 und 15 Jahren stammen. Dort hat er das Vorhaben mit den Lehrern abgesprochen. Erleichternd komme hinzu, dass ein Teil schon in einer Kletter-AG mitmacht. Erschwerend allerdings, dass einige zur Sehbehinderung noch eine geistige haben.

Zum Kennenlernen ist zunächst eine Schneeschuh-Wanderung geplant. Das Ziel lautet aber: „Wir wollen eine große Bergtour machen und in der Kletterhalle klettern“, erklärt Jonas. Beim Hallenklettern könne man insofern helfen, dass man Tipps gibt, wo sich der nächste Klettergriff befindet, erklärt Carsten. Anders allerdings beim Klettern und Wandern im Freien. Da stellt sich etwa die Frage: „Wie beschreibe ich eine tolle Aussicht?“, sagt Carsten. Das ist immerhin eine nicht unbedeutende Motivation, beim Bergsteigen. Das findet Jonas auch. Aber er fügt hinzu: „Für Blinde ist wahrscheinlich die Motivation, überhaupt auf den Gipfel zu kommen.“

Info zum Gewinnspiel:
Mit ihrem Projekt „Klettern mit Blinden“ haben es die „Bergtrolle“ als eine von sieben Teilnehmern bereits in die Vorauswahl geschafft. Diese sieben Projekte stehen Online zur Abstimmung, die besten drei werden vom JDAV und vom Outdoor-Ausstatter Globetrotter finanziell unterstützt. Wer die „Bergtrolle“ unterstützen will, kann noch bis zum 31. Januar abstimmen unter www.jdav.de

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