Die letzten beiden Ulmer Vinylhändler geben Einblick in ihre Welt

Zwei Plattenläden überleben in Ulm seit vielen Jahren: Sound Circus und Musikmaschine. Als die letzten ihrer Art erfahren sie zur Zeit sogar wieder zunehmende Aufmerksamkeit – als Orte des Austauschs.

Erschienen am Freitag, 11. Januar 2013

Die Stadt ohne seinen Sound Circus kann sich Martin Lindner nicht vorstellen. Schon seit 25 Jahren betreibt er den Plattenladen. - Foto: Matthias Kessler

Die Stadt ohne seinen Sound Circus kann sich Martin Lindner nicht vorstellen. Schon seit 25 Jahren betreibt er den Plattenladen. - Foto: Matthias Kessler

Vier große Pappfiguren der Beatles laden mit roten Nikolausmützen auf dem Kopf in den kleinen Laden in der Ulmer Frauenstraße. Hunderte Schallplatten und CDs empfangen den Besucher im Sound Circus auf zwei Räume verteilt. Gut sortiert reiht sich die Musik in Holzkisten aneinander. An den Wänden hängen Poster von Bands aus längst vergangenen Zeiten, auf den Regalen stehen alte Abspielgeräte – darunter ein Grammophon –, in einer Ecke spielt ein Plattenspieler modernen Pop von Marian. Auf der Suche nach Vinyl stöbert ein Kunde in einer der vielen Kisten. Im Schlepptau hat er seinen Sohn. „Krass“, sagt der 17-Jährige zum Vater, „ich bin hier echt in einer anderen Zeit gelandet.“

Der Eindruck, geradewegs in die 1960er Jahre zurückkatapultiert worden zu sein, kann einen beim Betreten eines der letzten Ulmer Plattenläden durchaus überfallen. Nicht nur im Sound Circus, den es bereits seit 25 Jahren gibt, sondern auch in der Musikmaschine in der Neuen Straße. Auch hier scheint die Zeit stehen geblieben zu sein. Seit zwölf Jahren hält Besitzer Viktor Fuchs seine Musikmaschine am Laufen. Er setzt auf den Verkauf von Secondhandware und bietet neben Tonträgern vor allem gebrauchte Anlagen und Plattenspieler an.

Zwei weitere Ulmer Plattenläden, Syndrome und Record Express, mussten schon vor Jahren schließen. „Der private Handel mit Platten aus dem Internet hat die zerstört“, erklärt Martin Lindner, der nach dem Tod von Kompagnon Sigi Dehmke vor zwei Jahren den Sound Circus jetzt mit Manuel Weber zusammen betreibt. Er selbst wollte seinen Laden nicht aufgeben, frei nach dem Motto: „Eine Stadt ohne Plattenladen ist keine Stadt.“

Über fehlende Kundschaft können beide Händler zur Zeit nicht klagen. Lindner, bei dem ein ständiges Kommen und Gehen herrscht, erzählt: „Natürlich haben wir eine feste Stammkundschaft. Aber es tauchen auch immer wieder neue Gesichter auf.“ Auch Fuchs von der Musikmaschine sagt: „Es gibt viele Neueinsteiger. Wer einmal den Weg gefunden hat, kommt wieder.“ Auf ein bestimmtes Alter ließen sich die Liebhaber nicht eingrenzen, da gebe es jüngere wie ältere. „Bei uns taucht zur Zeit regelmäßig ein Neunjähriger auf“, erzählt Lindner, während er im Sound Circus eine neue Scheibe auflegt.

Wie früher dienen die Plattenläden auch heute noch vor allem als Orte musikalischen Austauschs – eine Art Szenetreffs. „Es ist schon oft vorgekommen, dass die Leute zu spät zur Arbeit gekommen sind, weil sie sich hier verquatscht haben“, sagt der Ladenbesitzer.

Wie aber haben es die beiden Plattenläden geschafft zu überleben? „Idealismus, man muss sein Geschäft lieben“, erklärt Viktor Fuchs. „Reich wird man mit so einem Laden sowieso nicht.“ Martin Lindner setzt auf „ein großes und breites Sortiment“. Das bietet der Sound Circus auf jeden Fall: Rock stapelt sich neben Pop, Soul neben Indie und auch HipHop, Klassik sowie die Musik regionaler Bands sind hier zu finden. „Der Kunde kann natürlich auch eine ganz bestimmte Platte bei mir bestellen“, sagt Lindner. Denn das sei ebenfalls überlebenswichtig: ein vertiefter Service. Um große Geschäfte wie Müller muss er sich in Sachen Konkurrenz deshalb keine Gedanken machen. „Die sind nicht billiger als wir und haben nur einen kleinen Bestand neu erschienener Platten. Die richtigen Sammler kommen hierher“, ist der Musikliebhaber überzeugt.

„Ein ordentlicher Service“ ist auch Viktor Fuchs am Wichtigsten. So ist sein Kollege etwa gerade dabei, mehrere Schallplatten zu waschen. Das gehöre eben dazu, bevor die Secondhandware weiterverkauft werde. Außerdem bieten die Mitarbeiter der Musikmaschine an, defekte Plattenspieler und Hifi-Anlagen zu reparieren.

Konkurrenz machen sich Sound Circus und Musikmaschine gegenseitig keine. „Wir arbeiten zusammen“, sagt Fuchs. „Unsere Läden sind so spezialisiert, dass wir einander nicht in die Quere kommen.“

Allgemein hat sich der Plattenmarkt in den vergangenen Jahren zum Positiven entwickelt, haben beide Inhaber beobachtet. Lindner: „Man wird wieder aufmerksam auf Läden wie unsere, das hat auch was mit Lifestyle zu tun.“ Er freut sich immer über Besucher im Sound Circus, denen er bei einer Tasse Kaffee „einen Schinken ans Ohr quatschen kann“. Auch Fuchs liebt es, mit seinen Kunden zu fachsimpeln – am Liebsten zu Musik von Pink Floyd oder Led Zeppelin. Für noch mehr vertiefte Gespräche unter Sammlern plant er derzeit eine gemütliche Chilloutecke. „Ein Swimmingpool im Hinterhof käme auch richtig gut“, darin sind sich die beiden letzten Ulmer Plattenhändler einig.
Lena Herrmann

Öffnungszeiten:
Sound Circus, Frauenstraße 40 in Ulm, hat geöffnet: Mo-Fr 11-18.30 Uhr, Sa. 10-16 Uhr,
Musikmaschine, Neue Straße 107 in Ulm hat geöffnet: Mo-Fr 11-19 Uhr, Sa. 10-16 Uhr

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