Zensierte Kinderbücher

Sollen Wörter wie "Neger" aus Klassikern wie "Pippi Langstrumpf" und "Die kleine Hexe" entfernt werden? Lesen Mütter und Erzieherinnen Wörter wie "Neger" vor oder schummeln sie? Schüler sind dafür die Texte zu reinigen.

Erschienen am Samstag, 26. Januar 2013 | Print

Klaus Willberg, Geschäftsführer der Thienemann Verlag GmbH, hält Anfang Januar in Stuttgart eine Ausgabe der "kleinen Hexe" in der Hand. Denn der Verlag hat entschieden, dass in dem Kinderbuch die Begriffe "Türke" und "Negerlein" ersetzt werden. Foto: Marijan Murat/dpa

Ulm. Es war auf einer langen Autofahrt nach Italien. Damit die fünfjährige Karoline durchhielt, gab es von ihrer Mutter ein neues Hörspiel der „Lotta-Geschichten“ von Astrid Lindgren. Irgendwann auf der Autobahn hörte die Familie diese Stelle von der CD: „Puhhu, ich spiele Negersklave.“ Was das ist, ein Negersklave, wollte Tochter Karoline wissen. So schnell wusste die Mutter am Steuer keine Antwort und übersetzte kurzerhand das Wort „Negersklave“ mit „Gespenst“ .

Muss die Kinderliteratur bereinigt werden von Wörtern wie „Negerkönige“ und „Chinesenmädchen“? Deutsche Verlage hatten angekündigt, Formulierungen, die als verletzend empfunden werden können, durch neutrale zu ersetzen. Die Diskussion spaltet. Auf der einen Seite stehen die Befürworter der politisch korrekten Sprache, auf der anderen stehen jene, die sich von niemanden das Wort verbieten lassen wollen, nicht mal von einer so genannten Sprachpolizei.

Wie wird die Problematik in Kindergärten gesehen? Und: Wie reden Kinder? Etwa im katholischen Kindergarten St. Michael zu den Wengen. Der liegt mitten in Ulm, wird von 19 Kindern besucht, deren Eltern aus elf verschiedenen Ländern kommen. Vorgelesen wird dort viel, sagt die Leiterin Dagmar Nemmer, eben auch „Jim Knopf“ – und dabei die Thematik „unterschiedliche Hautfarbe“ gleich mitbesprochen. Denn „Kinder machen sich darum einen Kopf“, sagt sie.

In der Geschichte „Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer“ liest es sich so, als auf der Insel Lummerland ein Paket ankommt: „Ein Baby“, riefen alle überrascht, „ein schwarzes Baby.“ – „Das dürfte vermutlich ein kleiner Neger sein“, bemerkte Herr Ärmel.

„Das Wort ,Neger’ ist kein schöner Begriff“, waren sich Kinder und Erzieherinnen nach dem Vorlesen einig. Klar war auch: Kinder wie Erwachsene benennen sich nicht nach der Hautfarbe. „Wir sagen nicht Weiße und nicht Schwarzer.“

Trotz aller sprachlicher und politischer Korrektheit sieht Nemmer keinen Grund dafür, Kinderbücher umzuschreiben. Aber man müsse Wörter reflektieren, Kinder für Sprache sensibilisieren. Im Kindergarten St. Michael sei ihrer Überzeugung nach jedes Kind integriert. Ein Beleg: „Streiten sich die Kinder, dann steht nie deren Nationalität im Mittelpunkt, sondern eben das Kind.“

Doch wie sehen Grundschüler diese Thematik: Sollte Herr Ärmel weiterhin „Neger“ sagen, wenn er Jim Knopf sieht? Dürfen sie die Kinder in der „kleinen Hexe“ weiterhin als Türke oder Chinese verkleiden? Die SÜDWEST PRESSE hat dazu zwei Grundschulklassen befragt. Hier einige Antworten: „Jeder hat das Recht sich zu verkleiden wie er will, auch als Türke oder Chinese. Nur darf man nicht darüber lachen, das wäre doof und unfair.“ Oder: „Das Wort Neger ist sehr verletzend, das sollte in Geschichten nicht mehr verwendet werden. Außerdem ist es beleidigend für ein afrikanisches Kind, den Begriff vielleicht noch in seinem Lieblingsbuch zu lesen. Vor allem in Büchern für Kinder von eins bis sieben Jahren sollte der Begriff nicht mehr stehen.“

Aber: „Man sollte über die Wörter reden und wissen, was sie bedeuten. Wenn man nicht darüber redet, denken die Kinder, diese Wörter sind in Ordnung.“
Schließlich: „Das Lied ,zehn kleine Negerlein und das Wort ,Negerkuss’ sollten gestrichen werden. Wir bestellen beim Bäcker nur noch den Schaumkuss.“

Das Ergebnis zeigt, dass Kinder bei der Sprache und Wortwahl aufmerksam und bewusst sind. Und eben Erwachsene brauchen, die es genauso sind und ihnen die Welt und ihre Begriffe erklären.

So ging es auch jener Frau, die das Wort ,Negersklave’ falsch übersetzt hatte. Sie ärgerte sich selbst darüber und nahm sich Zeit für ihre Tochter, das Hörspiel und eine ordentliche Erklärung. „Und danach war es auch gut.“

ÜBER DEN VERFASSER
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Beate Rose hat 83 Artikel für acht9.de geschrieben.

Beate Rose wurde in Leipzig geboren, lebt in Ulm und ist davon überzeugt: Der Osten ist überall.

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