Meine Sicht: Schokoküsse und Paprikaschnitzel schmecken besser

Warum man gegen Zensur, aber für einen sensiblen Sprachgebrauch eintreten muss. Ein Kommentar.

Erschienen am Samstag, 26. Januar 2013 | Print

Jim Knopf ist ein "kleiner Neger". Wie lange noch? Dabei ist es sinnvoller, als Kinderbücher umzuschreiben, mit lesenden Kindern über Wörter zur reden, über die sie möglicherweise stolpern. Foto: Thienemann Verlag

Jim Knopf ist ein "kleiner Neger". Wie lange noch? Dabei ist es sinnvoller, als Kinderbücher umzuschreiben, mit lesenden Kindern über Wörter zur reden, über die sie möglicherweise stolpern. Foto: Thienemann Verlag

Es ist schon erstaunlich, mit welcher Leidenschaft Wörter wie „Mohr“ und „Neger“ verteidigt werden, als ob uns ohne sie der völlige Sprachverlust drohte. Beliebt ist dazu der Einwand, dass man wohl nicht mal mehr ein „Zigeunerschnitzel“ bestellen darf. Ganz genau.

Mohr, Neger, Zigeuner – bei mir sind diese Wörter nicht zuhause, genauso wenig wie Spasti, Mongo, Kanake und Liliputaner. Statt Negerkuss tut es fürs Kind der Schokokuss, statt Zigeunerschnitzel das Paprikaschnitzel. Das ist kein Krampf, sondern eine Frage des Respekts.
Sprache lebt, weshalb Wörter keine wertfreien Hülsen sind. Dass es sich bei Mohr, Neger und Zigeuner nicht um Wertschätzungen handelt, ist offensichtlich, siehe „Ich bin doch nicht dein Neger. . .“ und „Zigeuner-Gesindel“. Es sind – anders als „Berliner“ oder „Wienerle“ – Beleidigungen. Wörter, hinter denen sich Sklaverei, Kolonialismus und Rassismus verbergen. Afrikaner bezeichnen sich als Schwarze; Eskimos, übersetzt „Rohfleisch-Esser“, nennen sich „Inuit“ (Mensch), „Zigeuner“ Sinti und Roma. Warum ist es schwer, das zu akzeptieren? Die Lockerheit ist leicht groß, wenn es um andere geht. Meist endet die Toleranz, wenn das eigene Kind heulend heimkommt, als Schlampe, Schweinefleischstinker, Zwerg oder Schwuchtel beschimpft wurde.

Sprache kann verletzen, schmeicheln, achten. Das sollten Erwachsene und Kinder im Gefühl haben. Es reicht, darüber zu sprechen, sich über die Begriffe klar zu werden, ältere Bücher und Liedtexte muss man dafür nicht umschreiben. Noch etwas ist bemerkenswert. Kommt die Sprache auf das Thema, wird gekichert, gegrinst. Ein Witzbold bringt den „Zuckerschaum mit afrikanischem Migrationshintergrund“. Und einer meint immer: Negerkuss und Mohrenkopf sagt man halt, da denkt sich doch keiner was dabei. Eben. PETRA LAIBLE

2 Kommentare

  • avatar Lea Richtmann 02:21 Uhr 1. Februar 2013

    Ich finde die Argumentation in diesem Artikel eigentlich ganz wunderbar: Aufgrund des Respekts sollten gewisse Wörter nicht verwendet werden. Jedoch erschließt sich mir dann nicht die Schlussfolgerung der Autorin, es sei nicht nötig, diese Begriffe auch aus Kinderbüchern zu entfernen. Warum nicht? Ist es nicht inkonsequent, wenn wir die Wörter aus unserer alltäglichen Sprache streichen, sie aber den Kindern munter weiter vorlesen? Schließlich werden die vorgelesenen auch ihren Weg in die Sprache der Kinder finden. Es wird schwer sein, jedes Mal einem Kind zu erklären: Das steht hier zwar, aber verwenden solltest du das Wort nicht! Zudem kommt, dass vielleicht nicht jeder Erwachsene in der Lage ist adäquat zu erklären, was das Problem an solchen Wörtern ist. Es stellt meines Erachtens ziemlich hohe Anforderungen an “die Erwachsenen” dass sie immer in der Lage sein sollten sämtliche solche Wörter gut erklären zu können.
    Ich denke, es ist in der Tat lächerlich anzunehmen, dass uns ein Sprachverlust droht, wenn wir gewisse Wörter konsequent vermeiden lernen. Doch warum sollten sie uns dann weiterhin aus Kinderbüchern anspringen? Warum sollten sie von Menschen, die durch sie beleidigt werden, gelesen werden müssen? Es geht hier nicht um Zensur sondern darum Respekt zu gewähren.

    • avatar Moritz Clauß 11:26 Uhr 1. Februar 2013

      Ich finde da noch ganz interessant, dass viele Bücher ja ohnehin schon übersetzt sind. Und Übersetzungen werden immer mal wieder angepasst und verbessert. Da erschließt mir sich dann nicht, wieso man diese Wörter nicht auch verbessern sollte.

      Natürlich geht es oft darum, eine andere Zeit darzustellen. Aber ich glaube nicht, dass Kinder für ihre Vorstellung bestimmte Wörter brauchen, um in die Vergangenheit zu reisen. Anders ist es dann finde ich in Romanen. Wenn jemand ein Buch über die Geschichte eines schwarzen Sklaven schreibt, dann wird das schlecht gehen, ohne Begriffe wie “Nigger” zu verwenden. Schon einfach deshalb, weil er ja die Schrecken der damaligen Zeit hervorheben möchte – und mit geschönter Sprache schönt man denke ich auch diese Ereignisse. Aber das ist ein historischer Aspekt, der in Kinderbüchern nichts zu suchen hat.

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